2020 müssen selbst die größten Tech-Enthusiasten zugeben: Die Digitale Ära steht an einem Wendepunkt. Nach Jahren grenzenloser Fortschritts-Euphorie schlägt der Techlash voll zurück — und wir müssen nun herausfinden, wie wir damit umgehen.

Sicher, in den letzten 25 Jahren haben neue Technologien unser Leben auf diesem Planeten unvorstellbar verändert. Aber der Fortschritt brachte auch ein paar häßliche Nebenwirkungen, die wir so nicht erwartet hatten – und die in den letzten Jahren zu einer großen Desillusionierung in Gesellschaft und diversen Industrien geführt haben.

  • Social Media steckt in der Vertrauenskrise – nicht zuletzt durch die Weigerung von Plattformen wie Facebook, Verantwortung für ihre Technologie zu übernehmen, die für Verbreitung von Fakenews und Hatespeech, und Manipulation von Menschen missbraucht wurde.
  • Advertising World ist in der Sinn-Krise – zerrissen zwischen Zwang zur Performance und Drang nach Purpose, kleinteiligem Asset-Gefrickel und großen Marken-Stories, Consultancy-Übernahmen und Inhouse-Agency-Trend.
  • Klassische Medien kämpfen nach wie vor ums pure Überleben – trotz positiver Beispiele aus Musik- und Game-Industrie fehlen vielen immer noch Ideen oder Willen für neue Monetarisierungs-Konzepte.
  • Tech-Companies und der Unicorn-Mythos sind entzaubert – nicht erst seit die WeWork-Blase grandios geplatzt ist, schwindet der Glaube an Silicon Valley und die Venture-Capital-Industrie immer mehr.

Kurzum: Es fühlt sich so an, als hätten wir die digitale Revolution total verkackt.

Und jetzt? „Weiter so“ ist keine gute Option. Die Uhr zurück drehen und alles „entdigitalisieren“ aber auch nicht.

„Even if we could turn back, we’d probably never end up where we started… .“

— Haruki Murakami, 1Q66

Wir brauchen eine Alternative: Den Reboot für die digitale Revolution.

 


© Photo by Tom Grünbauer, on Unsplash

Wie wir den Reboot für die Digitale Revolution schaffen.

Natürlich ist ‘Reboot’ ein sehr technischer Begriff und scheint kontraproduktiv, um Probleme zu lösen die durch übertriebenen Tech-Enthusiasmus verursacht wurden.

Doch genau deshalb ist es die richtige Metapher – weil wir Technologie brauchen werden, um die Irrwege aus den frühen Tagen der Digitalisierung zu berichtigen und die globalen Herausforderungen zu lösen, vor denen wir heute stehen.

Stellen wir uns die Welt als ein gigantisches Betriebssystem vor. Ein Reboot würde Absturzursachen bereinigen, sinnvolle Funktionen aktualisieren und vielleicht ein paar ganz neue Features bringen.

Er könnte ein neues Narrativ für eine digitale Welt schaffen, in der Fortschritt nicht als Bedrohung gesehen wird. Aber auch nicht alles, was technologisch geht, auch gemacht werden muss. Eine Welt, in der wir letztlich zu einem bewussteren, nachhaltigeren Umgang mit Technologie finden.

Die gute Nachricht: es gibt bereits viele großartige Ansätze da draussen, um Fehlentwicklungen in Bereichen wie Kommunikation, Online Werbung, Business-innovation, Internet-Architektur, Privacy und Design zu berichtigen. Wir müssen sie einfach nur konsequent anwenden und weiterentwickeln. Ein Babystep nach dem anderen. Oder, um in der Reboot-Metapher zu bleiben: Ein Versions-Update nach dem anderen.

Letztlich steht eins fest: Wir sind immer noch ganz am Anfang der digitalen Revolution. Wenn wir einen neuen Kurs zu einer besseren Zukunft einschlagen wollen – Warum dann nicht jetzt?


© Photo by Andre Benz, on Unsplash

1. Reboot communication:
Tell better stories, but less.

Die digitale Revolution ermöglichte uns, das Wissen der Welt in der Hosentasche zu tragen, mit Menschen auf der ganzen Welt zu vernetzen und Ideen in Echtzeit zu teilen –  egal wo wir sind. Man kann gar nicht genug würdigen, wie fundamental sich unser Kommunikations-Verhalten dadurch in einer so kurzen Zeitspanne gewandelt hat. Menschen und Marken haben diese neue Freiheit exzessiv genutzt. Aber vielleicht sind wir dabei zu weit gegangen.

Immer mehr Menschen sind genervt und überfordert vom Information Overload durch die ständig weiter anschwellenden Streams der Social Networks, Messenger usw..

Eine Ursache: Marketer haben die Frequenz und damit das Volumen von Inhalten in den letzten Jahren immer weiter gesteigert. Nach dem Mantra „Viel hilft viel“ war Präsenz im Feed alles, was zählt – aber um welchen Preis?

“In our quest to produce dynamic real-time marketing in the digital age, we were producing thousands of new ads, posts, tweets, every week, every month, every year. I guess we thought the best way to cut through the clutter was to create more ads. All we were doing was adding to the noise.”

— Marc Pritchard (P&G), 2016, at ANA “Masters of Marketing” conference

Irgendwann ist dadurch nicht nur die Qualität der Kommunikations-Maßnahmen komplett auf der Strecke geblieben – sondern auch der Sinn.

Wer brauchte wirklich Social Media Pseudo-Dialog mit Versicherungen, die „Schönes Wochenende“ wünschen? Welchen Effekt für Marken hatten Engagement-Fishing-Posts mit aktivierenden Fragen? Oder Clickbaiting-Artikel? Keine dieser Massnahmen bot einen Mehrwert für Menschen – und tat auch nichts für Marken.

Vielleicht sind diese Zeiten auch langsam vorbei. Mittlerweile sieht eh keine Sau mehr organische Posts bzw. Stories von Marken – oder? Heute kommt man nur mit reichlich Media-Budget durch die Feed-Algorithmen von Facebook & Co., die als Türsteher den Zugang zu der Audience kontrollieren, die Marken mit jahrelanger harter Arbeit aufgebaut haben. Spätestens jetzt sollte sich jeder Marketer kritisch fragen – rechtfertigen die Produktions-, Distributions- und Media-Kosten meiner mediokren Inhalte wirklich den Effekt?

Thoughtstarter #1:

Was wäre, wenn wir auf Kommunikations-Qualität statt Quantität setzen?

Warum machen wir nicht Schluss mit dem sinnlosen „Befüllen von Kanälen“ mit immer mehr „Inhalten“? Das klingt nicht nur nach liebloser Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, sondern ist auch verdammt nah am Spam.

Setzen wir stattdessen weniger Kommunikation ein. Dafür aber kreativere, relevantere, besser produzierte und sichtbarere (dank adäquater Media-Unterstützung). Ein gutes Video, das bis zum Wear Out-Effect eingesetzt wird, tut weitaus mehr für eine Marke, als Menschen mit tausend belanglosen, qualitativ schlechten Posts zu bombardieren.

© Photo by Sebastian Staam, on Unsplash

2. Reboot advertising:
Kill digital ads.

Online Advertising startete mal mit einem großen Versprechen: endlich meßbare Wirkung der Werbung. Für einige Bereiche wie Search und Email Marketing stimmte und stimmt das auch (noch) weitgehend.

Aber seien wir ehrlich zu uns selbst: Der Grossteil der Digital Ads ist mittlerweile nur noch eins – eine riesige Geldvernichtungsmaschine. Auch wenn Mediaagenturen und Plattformbetreiber das Gegenteil behaupten.

„For several years the advertising industry has been engaged in a conspiracy to deceive its clients and the public about online advertising.“

— Bob Hoffmann, 2019, Newsletter Nr. 175

Banner-Klickraten und (Facebook) Video Views sind der größte Treppenwitz der Geschichte. Impressions im Nirgendwo und bis zu 900% übertriebene Metriken sorgen dafür, dass Milliarden Dollar Mediabudget jedes Jahr sinnlos verpuffen. Natürlich nur, wenn sie nicht direkt bei professionellen Ad Fraud-Mafia landen, die verdammt kreativ darin ist, immer neue Wege zu finden um die Adtech-Systeme zu hacken. Dabei ist es egal, dass die Ad Technologie immer ausgefeilter wird – die Wege, sie zu manipulieren, werden es auch.

Was ist mit Programmatic? Auch der neue Stern am Mediahimmel kann nicht wirklich garantieren, dass automatisierte Ads auch wirklich an Orten auftauchen, an denen sie von Menschen gesehen werden. Oder dass sie gerade nicht in Umfeldern erscheinen, wo Menschen sie absolut nicht sehen sollen (#BrandSafety).

Vielleicht ist das aber auch egal. Denn die meisten Ads werden eh gar nicht erst ausgespielt: Immer mehr Menschen nutzen Ad Blocker, um den Werbeschrott nicht mehr ertragen zu müssen oder von ihm verfolgt zu werden.

Selbst wenn man all das beiseite lässt: Die Werbewirkung von Digital Ads scheint generell weitaus geringer zu sein, als man glaubt.

Denn durch das algorithmische Targeting sehen vor allem die Menschen Ads, die mit hoher Wahrscheinlichkeit sowieso schon vorhaben, das Produkt bzw. die Marke zu kaufen.

Thoughtstarter #2:

Was wäre, wenn wir Werbung im digitalen Raum radikal anders machen?

Warum hören wir nicht auf mit den sinnlosen Materialschlachten und Budgetverbrennungen durch überholte Digital Ad-Konzepte ohne nachvollziehbare Werbewirkung?

Nutzen wir andere Wege, um Aufmerksamkeit und Image für Marken zu generieren. Hey, vielleicht sogar etwas mit wirklichem Mehrwert für Menschen? Ein unterhaltsames Video, ein hilfreicher Artikel oder eine nützliche App sind definitiv sinnvoller als stupide Banner, die theoretisch zu 50% irgendwo auf einer unbekannten Website für 1 Sekunde sichtbar sind.

Und wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, weiter Digitale Ads schalten, weil wir wirklich glauben, es zu müssen: dann lasst uns mit transparenten, externen Trackings arbeiten und alle möglichen Maßnahmen ergreifen, die Brand Safety garantieren und Ad-Fraud eindämmen.

© Photo by Verena Yunita Yapi, on Unsplash

3. Reboot innovation:
Monetize beyond advertising.

Man kann Online-Werbung lieben oder hassen: ohne sie wäre das Internet nicht so, wie es heute ist. Search, Maps, Mail, Social Media – viele Services, die wir heute so selbstverständlich nutzen, gäbe es ohne Werbung nicht. Zumindest nicht kostenlos.

Leider hat Werbung als dominantes Business Modell der Internet Economy zu vielen häßlichen Entwicklungen geführt.

Lassen wir mal aussen vor, dass viele Internetseiten vor lauter Werbeflächen, Overlays und Notifications kaum noch benutzbar sind. Wirklich kritisch sind Datenmissbrauch und Überwachungsskandale, die erst durch exzessives Tracking und Datensammeln mit Ad-Technologie möglich wurden. Oder die Verhaltensmanipulation von Menschen durch Interface-, Interaction- und Algorithmus-Design, das für Maximierung von Nutzer-Engagement und Time on site optimiert ist – um so mehr Ads zeigen zu können. Oder das schwindende Vertrauen in Marken, Politik und Gesellschaft durch Fake-News und Engagement-Baiting.

Trotzdem: Keine Panik! Niemand will Werbung nicht von heute auf morgen komplett abschaffen. Das hilft weder den Medien und Plattformen, die sie als Einkommensquelle brauchen, noch den Nutzern ihrer Services und erst Recht nicht den Marken.

Aber es wird höchste Zeit, stärker über alternative Wege nachzudenken, mit digitalen Inhalten, Services und Produkten Geld zu verdienen – statt einfach nur weiter auf die gleichen alten Ansätze im digitalen Raum zu setzen, die uns in die aktuelle Lage gebracht haben.

Thoughtstarter #3:

Was wäre, wenn wir komplett auf Werbung als Business Modell verzichten?

Warum hören wir nicht auf, digitale Inhalte, Services und sonstige Wertangebote nur durch Werbung zu finanzieren, die Menschen von den Dingen abhält, die sie gerade tun wollen?

Setzen wir auf sinnvolle Abo-Modelle mit niedrigem Preispunkt (wie Medium) oder Micro-Payments für einzelne Inhalte (wie Blendle), statt weiter stur an überteuerten Komplett-Abos oder Leistungsschutzrechts-Gesetzen fest zu halten.

Oder entwickeln wir ganz neue Konzepte, die traditionelle Wertschöpfungsansätze komplett auf den Kopf stellen. Warum entlohnen wir User nicht mit unseren Inhalten oder Services für ihre Daten – bzw. die Inhalte, die sie produzieren (wie bei Minds)? Oder wir bezahlen sie direkt mit Cash, Crypto-Tokens etc. dafür, dass wir ihre Rechenpower, Bandbreite oder Speicherplatz nutzen können (wie bei Gladius und Orchid)?

Selbst wenn wir entscheiden, erstmal an Werbung fest zu halten – lasst uns zumindest versuchen, unsere Geschäftsmodelle zu diversifizieren und sie nur zu einem von mehreren Revenue Streams zu machen, damit wir sie moderat einsetzen können (wie bei Tencent).

© Photo by Fabio, on Unsplash

4. Reboot internet architecture:
Decentralize IT.

Das Internet entstand aus einer romantischen Idee: Einen Weg zu schaffen, mit dem Menschen weltweit und ohne Grenzen miteinander Informationen austauschen können. Offen, auf Augenhöhe, ohne zentrale Instanz oder Zensur.

Wie wir heute wissen, war das natürlich hoffnungslos naiv. Mittlerweile ist das Netz alles andere als offen. Riesige Tech-Konzerne kontrollieren große Teile der Internet-Infrastruktur die für ihren Traffic optimiert ist. Was bedeutet, dass wir heute mehr oder weniger in einer Welt von 3 zentralisierten Netzwerken leben. Dazu kommt, dass unsere Smartphones als Mittel der Massenüberwachung genutzt werden können, dass wir freiwillig durch die Gegend tragen. Klingt wie aus einem Drehbuch für schlechte 80er Jahre Science Fiction-Filme wie Robocop und Running Man, oder?

Aber Dystopie-Fantasien beiseite: Google, Facebook und Amazon haben (sehr wahrscheinlich) keine Geheimverschwörungs-Meetings hinter verschlossenen Türen, bei denen sie böse Pläne zur Weltherrschaft schmieden. Sie wurden direkte Einstiegspunkte in das Suchen von Informationen, kommunizieren mit anderen und Kaufen von Dingen weil sie einfach unfassbar nützlich und bequem sind.

Und dennoch: Mit großer Macht kommt große Verantwortung, und absolute Macht korrumpiert absolut. Vielleicht ist es smart, die großen 3 (und uns) vor sich selbst zu schützen?

Thoughtstarter #4:

Was wäre, wenn wir Internet-Architektur und Services ganz anders bauen?

Warum hören wir nicht damit auf, das Netz weiter zu zentralisieren und immer stärkere Netzwerk-Monopolisten zu schaffen?

Setzen wir künftig mehr auf dezentral funktionierende Technologie-Lösungen und Datenzentren, wenn wir neue Services und Applikationen bauen (wie Inrupt, IPFS, Blockchain etc.).

Unterschreiben wir den ‚Contract for the web‚ und setzen seine Prinzipien bei allen künftigen Projekten und Initiativen um.


© Photo by Matthew Henry, on Unsplash

5. Reboot privacy:
Data to the people.

Ein großes Versprechen des Internet war Anonymität und Freiheit von Überwachung. Ein hohes Gut, erst Recht in Staaten, wo Presse- und Meinungsfreiheit eingeschränkt sind.

Mittlerweile wissen wir jedoch: Anonymität ist ein zweischneidiges Schwert. Denn sie (ver)führt Menschen auch dazu, Hass, Beleidigungen und Spam ohne Zurückhaltung in die Welt zu blasen. Wer einmal selbst Shitstorms und verbalen Missbrauch ohne strafrechtliche Konsequenzen für die Täter erlebt hat, wird vermutlich zustimmen, dass Privatsphäre kostbar ist – an einem gewissen Punkt aber mehr schaden als nutzen kann.

Das gleiche gilt für kommerziellen Services. Je mehr Apps, Webseiten und Plattformen über uns wissen, desto besser ist die Experience: Personalisiertere Services, relevantere Ads, bequemere Single Sign Ons, One click-Shopping usw. Im Gegenzug sammeln sie mehr Daten, als den meisten Menschen bewusst ist – und diese Informationen ermöglichen die totale Überwachung.

„We are living in the world’s most advanced surveillance system. This system wasn’t created deliberately. It was built through the interplay of technological advance and the profit motive. It was built to make money. The greatest trick technology companies ever played was persuading society to surveil itself.“

— New York Times, 2019: “Twelve Million Phones, One Dataset, Zero Privacy

Die Ursache unserer modernen Probleme mit der Privatsphäre sind Design-Entscheidungen, die bei der Entwicklung der Internet-Architektur in den 90ern getroffen wurden.

Zum einen das packet-switched Design des Networks, das keine Rückverfolgung der Herkunft von Informationen ermöglicht. Ursprünglich dazu gedacht, die Computer der Welt effizient miteinander zu vernetzen und anonym zu nutzen, hat es zu ungewohnten Konsequenzen geführt: niemand weiß heute, ob die andere Person in den Kommentarspalten, Tweets oder Emails ein Troll, Bot, Hacker oder Verkäufer ist.

Im Rückblick war eine andere Entscheidung aber weitaus gravierender: Es gibt kein unabhängiges, sicheres, offenes Protokoll für Identitätsmanagement. Darum entwickelten viele Plattformen ihr eigenes – mit einer fatalen Konsequenz: Nutzer besitzen ihre Daten nicht selbst, sondern riesige, zentralisierte, private Unternehmen wie Google und Facebook. Und was tun sie mit den Milliarden von Nutzerdaten? Sie sammeln, minen und verkaufen sie dann an Werbetreibende – ohne jegliche individuelle oder stattliche Kontrolle. Das Ergebnis: Big Data führt zu Big Brother.

Viele Menschen ignorieren das nach wie vor aus Bequemlichkeit und nutzen die lieb gewonnenen Services wie gehabt. Letztlich interessieren sich Google und Co. wahrscheinlich gar nicht für einen einzelnen Nutzer. Sie wollen einfach nur Werbung verkaufen.

Aber wie die steigende Zahl der Nutzer von AdBlockern, alternativen Browsern mit DoNotTrack-Technologie etc. zeigt – das Bewusstsein für Datensouveränität und die Kostbarkeit von Privatsphäre wächst immer schneller.

Spätestens jetzt sollten nicht nur Plattform-Unternehmen, sondern auch Marken das Thema Privacy ernster nehmen. Denn letztlich ist es auch eine Chance, das Vertrauen von Menschen (zurück) zu gewinnen und verlorene Glaubwürdigkeit wieder herzustellen.

Thoughtstarter #5:

Was wäre, wenn wir Menschen die Macht über ihre Daten zurückgeben?

Warum hören wir nicht auf mit dem exzessiven Tracking von User-Verhalten? Dem wahllosen Sammeln noch so unwichtiger Informationen zu riesigen Datenbergen? Mit dem Entwickeln immer neuer proprietärer Login-Services?

Geben wir Menschen die Macht über ihre Daten zurück. Zum Beispiel, indem wir bei digitalen Produkten und Services künftig Open Source-Technologie (wie Solid) für das Speichern von Nutzerdaten einsetzen, die Menschen ermöglichen, den Zugang zu ihren Daten zu kontrollieren – statt eigene Big Data-Sammelpools zu schaffen oder die der Big Four immer größer zu machen.

Lasst uns Privatsphäre ernster nehmen. Weniger auf 3rd-Party-Data setzen und neue Wege für das Personalisieren unserer Services ohne exzessives Cookie-Sammeln schaffen – durch die neuen DSGVO-Gesetzen müssen wir das sowieso.

© Photo by Max van den Oetelaar, on Unsplash

6. Reboot design:
Design for value.

Es klingt wie ein Klischeè aus einem Steve Jobs-Memorialfilm, aber scheinbar stimmt es: Eine treibende Kraft für die digitalen Revolution war der Traum, die Welt durch Technologie zum Besseren zu verändern. Ein Ideal, was letzten Endes zur Disruption bestehender Kommunikationsnormen, Geschäftsmodelle und ganzer Industrien führte.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor für viele neue Services und Plattformen waren aufkommende Design-Ansätze, die den Mehrwert für Menschen in den Mittelpunkt stellten und zu radikal neue Wege führten, bestimmte Aufgaben zu erledigen und Bedürfnisse zu befriedigen, von denen Menschen nicht mal wussten, dass sie sie hatten.

Einkaufen, Navigieren, Kommunizieren, Apartments oder Sexpartner finden – immer nutzerfreundlicheres Design von Webseiten und Applikationen machte das selbst für technik-averse Menschen so einfach, dass sie nicht mehr ohne leben wollen.

An einem bestimmten Punkt setzte dann unweigerlich die ökonomische Realität ein. Früher oder später kamen Wall Street und Venture Kapital um die Ecke – und brachten die schönen Hippie-Träume auf den knallharten Boden der Realität zurück. Ambitionierte Wachstums- und Gewinnziele ließen viele Firmen nicht mehr Maximierung von User Value priorisieren, sondern ganz andere KPI: Maximierung von Time Spent on platform, Engagement Rate und User Growth.

Anders gesagt: Lasst möglichst viele User möglichst lange auf der Plattform bleiben und mit möglichst viel Inhalten und anderen Menschen interagieren – um möglichst viele Ads schalten und so möglichst viele Werbedollars einkassieren zu können.

Dieses Mantra führte zu vielen, oft sehr fragwürdigen Design Entscheidungen, bei denen die Grenzen von Good UX zu Dark UX immer mehr verwischten. Zum Beispiel immer aufdringlichere Notifications, die User unter nichtigen Gründen („Someone poked you“) zum Aufrufen der App auffordern. Oder ‚Like-Counts‘, die Menschen auf der Suche nach Bestätigung ständig neue Inhalte produzieren lassen. Die omnipräsente „Pull to refresh“-Interaktion zum Aktualisieren des Newsfeeds, die wie eine gigantische Slotmachine funktioniert und – in Kombination mit einem unberechenbaren Algorithmus – User verführt, möglichst lange in der App zu bleiben. ‚Continuous Autoplay‘ und ‚Recommended Videos‘, die für mehr Content-Entdeckung sorgen, aber auch ständig neue Reize setzen, viel mehr als das eine Video zu konsumieren dass man ursprünglich sehen wollte. Gamification-Elemente wie Badges, die Menschen zum Ausführen total sinnloser Aktionen für virtuelle Belohnen motivieren.

„What started out as advertising morphed into continuous behavior modification on a mass basis, with everyone under surveillance by their devices and receiving calculated stimulus to modify them. It’s a horrible thing that was foreseen by science-fiction writers. It’s straight out of Philip K. Dick or 1984.“

— Jaron Lanier, in “An apology for the internet from the people who built it

Im Rückblick hätten wir alle von Anfang an wissen können, dass Experimente mit Verhaltensmanipulation im globalen Maßstab möglicherweise keine so gute Idee waren.

Heute, angesichts des wachsenden Misstrauens gegenüber Tech-Firmen und der Zunahme von Mental Health-Problemen durch Social Media-Nutzung, haben viele Tech-Firmen begonnen, mit Maßnahmen für Digital Wellbeing gegen zu steuern – wie Screen Time-Limits für App-Nutzung, Tools und Services gegen Cyber-Bullying, Implementieren von Do not Disturb-Modes in Betriebssysteme etc..

Es bleibt abzuwarten, ob und wie sehr sich die großen Plattformen ändern können. Schließlich beeinflussen all diese Massnahmen die Bottom Line und gefährden das Business Modell. Doch was ist mit den zahllosen anderen Anwendungen und Services, die wir alle täglich nutzen und gestalten?

Thoughtstarter #6:

Was wäre, wenn wir Design wieder auf maximalen User Value ausrichten?

Warum hören wir nicht auf, digitale Services und Produkte mit persuasiven und manipulativen Design Prinzipien so zu gestalten, dass sie die Aufmerksamkeit von Menschen länger als nötig binden?

Lasst uns statt dessen Value Centered Design-Ansätze nutzen und (wieder) Priorität auf den Nutzwert von Inhalten und Services für Menschen legen. Nutzen wir qualitative KPI wie „Time well spent, die auf Qualität statt Quantität eines Kontaktes mit einer Marke setzen.

Oder fördern wir Mental Wellbeing von Menschen, zum Beispiel durch Minimieren von Unterbrechungen und Reduzieren von verhaltensmodifizierenden Design Patterns wie variable Belohnungen.

Wir könnten Services so gestalten, dass sie Transparenz fördern und den Wahrheitsgehalt von Informationen besser nachvollziehbar machen.

Oder sogar digitale Produkte entwickeln, die Menschen ermächtigen, Dinge einfacher zu tun und sich besser zu fühlen – statt ihnen Zeit zu rauben.

Zu guter Letzt: Denken wir zumindest gelegentlich über Digitale Ethik nach und entwickeln Technologie so, dass sie die menschliche Natur nicht ausbeutet.

Fazit: Warum wir einen Reboot für die digitale Revolution brauchen.

Die digitale Ära ist an einem Wendepunkt – und wir müssen entscheiden, welchen Weg wir zu einer besseren Zukunft gehen wollen. Ich glaube, es ist Zeit für einen Reboot der digitalen Revolution, der Fehler aus den frühen Tagen berichtigt. Und zu einem neuen, bewussteren Umgang mit Technologie in unserem Leben auf dieser Welt führt.

Dieser Reboot ist nicht nur nötig. Er ist auch eine Riesen-Chance, unsere digitalen Fuckups zu beseitigen und vorwärts zu gehen.

Eine Chance für Marken, Marketer, Tech und Media-Firmen: Eine neue Rolle im Leben von Menschen einzunehmen, als Wegweiser und Gestalter des digitalen Zeitalters. Neue Geschichten, nachhaltige Awareness und Gewinn für Marken jenseits von Unterbrecher-Werbung zu schaffen. Neue, nachhaltige Produkte und Geschäftsmodelle mit Achtsamkeit zu schaffen.

Und natürlich eine Chance für Menschen: In einer Welt zu leben, in der Technologie keine Bedrohung ist. Sondern ein Werkzeug, dass ihre Privatsphäre ernst nimmt, ihr Wohlbefinden stärkt, und ihr Leben, Arbeiten und Kommunizieren wirklich besser macht.

Diese 6 Ideen können ein Anfang für den digitalen Reboot sein:
Tell better stories, but less. Kill digital ads. Monetize beyond advertising. Decentralize IT. Data to the people. Design for value.

Gibt es noch mehr oder bessere Ideen? Bestimmt, wenn wir nur anfangen, sie zu suchen. Alles, was wir brauchen, ist ein neues Mindset und der Wille, es besser zu machen.

“ The future is still so much bigger than the past.”

— Tim Berners-Lee

Hinweis: Hier gehts zur englischen Version auf Medium.

Alex Glasneck

Alex Glasneck

Alex Glasneck ist Digital Strategy Consultant, berät Unternehmen zu Digitalisierung und Innovation - und schreibt über Chancen und Risiken der neuen, digitalen Welt.

Leave a Reply